Der Lobbyist Gottes

Die katholische Kirche verliert immer mehr Gläubige. Aber ihre politische Macht hat sie bisher behauptet. Das liegt an Prälat Karl Jüsten. Er ist ständiger Vertreter der Bischöfe in Berlin und damit Cheflobbyist der Katholiken. Wie effizient und ausdauernd die Kirche ihre Interessen vertritt, lässt manchmal sogar die Atomlobby staunen.

Auch im säkularen Deutschland machen Bischöfe Politik. Die Kirchenlobby gehört zu den mächtigsten
Auch im säkularen Deutschland machen Bischöfe Politik. Die Kirchenlobby gehört zu den mächtigsten
Der Stellvertreter Christi in Mitte wohnt an einer Baustelle. Die Hannoversche Straße in Berlin wird gerade saniert, die Presslufthammer dröhnen noch lauter als der zähe Verkehr. Hier, im dritten Stock der Katholischen Akademie, residiert der "Leiter des Kommissariats der Deutschen Bischöfe": Prälat Dr. Karl Jüsten ist der Cheflobbyist der katholischen Kirche in Deutschland.

Für einen mächtigen Kirchenfürsten sieht Jüsten recht jung und recht leger aus. Er ist 47 Jahre alt und kommt mit zehnminütiger Verspätung zum Treffen im eigenen Büro. Aus Bequemlichkeit hat er den obersten Knopf seines grauen Priesterhemds gelöst. Neben seiner Kaffeetasse liegt sein Blackberry auf dem Tisch.

Jüsten geht jeden Tag mit den Mächtigen des Landes um. "Auf Augenhöhe", wie er sagt. Sein Job: Die Gesetzgebung zu Gunsten der Kirche beeinflussen. Zwei Anliegen sind der Kirche besonders wichtig: Die der Schwachen. Und die eigenen. Katholische und evangelische Kirche gemeinsam sind nach dem Staat größter Arbeitgeber in Deutschland. Da ergeben sich viele Interessen auf den Gebieten Wirtschaft, Arbeitsrecht, Steuern.

Die Kirchenlobby arbeitet nicht anders als die Pharmalobby

Aber eigentlich hat die Kirche sowieso auf allen Gebieten Interessen. 16 Mitarbeiter arbeiten in Jüstens Abteilung, einer für jedes Ministerium. Sie mischen sich in alles ein. Straßenbau? Justiz? Landwirtschaft? Alles Kirchenfragen. "Wir sind die einzigen Lobbyisten, die alles auf dem Schirm haben", sagt Jüsten.
Lobbyist Karl Jüsten
Lobbyist Karl Jüsten

Die Art und Weise, wie man am besten die Gesetzgebung in seinem Sinne beeinflusst, ist allerdings die Gleiche wie bei der Chemie- oder der Pharmalobby. In jedem Gesetzgebungsverfahren gibt es Anhörungen im Bundestag, bei denen betroffene Gruppen ihren Standpunkt darlegen können. Wenn also im Parlament über irakische Flüchtlinge diskutiert wird, kommt Prälat Jüsten und erklärt, dass die Kirche dagegen ist, ungeborenes Leben zu töten.

Diese Form der Einflussnahme steht jedem Bürger offen. Spezieller ist da schon die Möglichkeit größerer Interessensverbände, ihre Anliegen in die Öffentlichkeit zu bringen. Die Kirche kann Interviews geben, eigene Schriften veröffentlichen oder Bischöfe zu Maischberger schicken.

Das Wort Macht mag Jüsten nicht

Die wichtigste und gleichzeitig geheimnisvollste Art der Beeinflussung ist allerdings das direkte Gespräch mit Abgeordneten. Jüsten telefoniert ständig mit einzelnen Abgeordneten. Oder er lädt alle zu "Parlamentarischen Abenden" ein. Dort gibt es Vorträge, Schnittchen oder ein Buffet, je nach Anlass. Im Idealfall lassen sich dann einige Abgeordnete überzeugen. Ob von den Vorträgen oder den Schnittchen, kann Gott egal sein.

Insgesamt ist Jüsten durchaus zufrieden mit dem Einfluss - das Wort Macht mag er nicht - der Kirche. Für viele Themen finde er fraktionsübergreifend Zustimmung. Zum Beispiel hätten sich alle Parteien mittlerweile ökologische Nachhaltigkeit auf die Fahnen geschrieben - eine Forderung der Kirche seit den neunziger Jahren. "Unser Erfolg beeindruckt manchmal auch die Bankenlobby oder die Atomlobby."




Lucas Wiegelmann    25. November 2008

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