Die Polit-Flüsterer
Das Wichtigste an seinem Job ist sein Adressbuch. Über 37.000 Kontakte hat Lars Cords in seinem Computer. Sie sind sein Kapital, Menschen bezahlen ihn dafür, dass er jemanden kennt, der jemanden kennt. Dieser Jemand ist in den meisten Fällen ein Politiker. Lars Cords ist politischer Berater, einer jener sagenumwobenen Einflüsterer, der anderen hilft, ihre Interessen im politischen Berlin durchzusetzen.
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| Lars Cords von der Agentur "fischer Appelt" ist überzeugt: Lobbyismus ist demokratisch |
Ein Lobbyist, ein erfahrener noch dazu, seit 11 Jahren ist er bei der Agentur "fischer Appelt", in PR-Kreisen als "Dickfisch" bekannt. Er leitet die Abteilung Public Affairs in Berlin, der Stadt, in der die Würfel fallen, in der Gesetze erlassen werden, die Deutschlands Gegenwart und Zukunft bestimmen. Ist er also ein Schattenmann, der die Fäden im Hintergrund zieht?
Er selbst sieht die Sache weitaus nüchterner: "Die Realität des Lobbyings ist weit entfernt von den Klischees von Mauscheleien und schwarzen Geldkoffern, mit denen korrupte Abgeordnete bestochen werden. Wir machen nichts, was die Demokratie in Frage stellt", sagt Cords.
Fakt ist, dass sich die Welt der politischen Beratung immer weiter ausdehnt. In Berlin gibt es unzählige Kommunikationsagenturen, die sich Public Affairs und Lobbying auf die Fahnen geschrieben haben. Die offizielle Verbands-Liste des Bundestages umfasst über 2.000 Lobby-Gruppen. Vom Verband privater Bauherren bis zum Bundesverband der Obstverschlussbrenner wollen alle, dass Gesetze in ihrem Sinne erlassen werden.
Werbekampagnen können Abgeordnete unter Druck setzenLars Cords erarbeitet mit seinen Kunden Verbänden und Unternehmen eine Strategie, wie sie die Entscheider für ihr Anliegen einnehmen können. Welcher Abgeordnete für ein Thema relevant ist, wer in welchem Ausschuss sitzt, weiß Cords dank seiner zahlreichen Kontakte zum Berliner Politikbetrieb. Die betreffenden Personen werden angeschrieben oder der Berater trifft sich mit ihnen, um die Argumentation seines Kunden anzubringen. Eine teure und aufwendige öffentliche Kampagne macht nur Sinn, wenn viele Menschen - ergo Wähler - vom Thema betroffen sind.
Der
Werbespot beispielsweise, der uns derzeit im Fernsehen erzählt: "Forschung ist die beste Medizin!", kommt vom Verband Forschender Arzneimittelhersteller, allgemein bekannt als Lobby der Pharma-Industrie.
Wenn ein Thema in der öffentlichen Wahrnehmung als wichtig eingestuft wird, baut das einen Entscheidungsdruck auf, denn kaum ein Abgeordneter wird sich öffentlich gegen die Interessen tausender seiner Wähler stellen. Lars Cords sieht darin auch einen pro-demokratischen Faktor, "schließlich erhalten große Bevölkerungsgruppen eine Stimme." In erster Linie geht es ihm aber natürlich um seine Kunden, die Ergebnisse sehen wollen und Agenturen wie "fischer Appelt" dafür bezahlen.
Das Netzwerk ist allesWas zählt, sind deren gute Kontakte zu Abgeordneten, Ministerialbeamten und Fachleuten. Die meisten PR-Berater waren vorher Mitarbeiter bei Bundestagsabgeordneten oder Referenten in Ministerien. Von der Politik ins Lobbying ein Pfad, der mittlerweile breitgetreten ist. Prominentes Beispiel ist der ehemalige Außenminister Joschka Fischer, der sein weltweites Netzwerk mittlerweile bei der Beratungsgesellschaft seiner ehemaligen amerikanischen Amtskollegin Madeleine Albright nutzt. "Aber die Kontakte sind nur ein Türöffner, überzeugen muss immer das Argument", sagt Cords.
Für ihn ist das politische Berlin ohnehin ein Dorf. "Man trifft immer auf die gleichen Gesichter", sagt Lars Cords. Ein Dorf, das vom Bundestag bis zum Gendarmenmarkt reicht und dessen Dorfkneipen das "
Wahlkreis" in der Reinhardtstraße und das Café Einstein Unter den Linden sind. Dort verabredet man sich zum Frühstück, auf ein Bier und zu sogenannten Parlamentarischen Abenden. Diese Locations sind die Infobörsen für Lobbyisten und Politiker, hier bringen sie sich gegeseitig auf den neuesten Stand. Es ist ein Geben und Nehmen: Die Berater erfahren von anstehenden Entscheidungen, die Politiker erfahren, was betroffene Branchen von der Sache halten.
Die Politik profitiert vom Wissen der LobbyistenDie politischen Berater sagen, die Politik könne von ihrem Wissen profitieren. Schließlich sind die Lobbyisten Experten auf ihrem Themengebiet. "Der Markt für politische Beratung hat seine
Boomphase noch vor sich", sagt Christian H. Schuster, Buchautor und Dozent an der Universität Augsburg zum Thema Public Affairs. Er glaubt auch an eine Professionalisierung des Geschäfts, denn noch allzu oft würden Abgeordnete nicht gezielt mit Informationen versorgt, die ihnen wirklich nützen. Entscheiden müssen sie dann selbst. "Alle Politiker sind denkende Menschen, keiner lässt sich einfach von irgend einer Lobby vereinnahmen", gibt Schuster zu bedenken.
Trotzdem: Wen man informiert, den kann man auch beeinflussen diese Gefahr besteht immer.
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