Wir hatten die Macht

Die Weltordnung hat sich verändert. Indien, China und Brasilien sind zur Weltspitze aufgerückt. Die Finanzkrise hat dem Übergang in eine multipolare Welt einen gehörigen Schub gegeben. Mit den neuen Mächteverhältnissen treten auch neue Probleme auf.

Indiens Finanzminister Palaniappan Chidambaram freut sich über rasantes Wachstum
Indiens Finanzminister Palaniappan Chidambaram freut sich über rasantes Wachstum
Einen Namen wie Palaniappan Chidambaram sollte Angela Merkel bald flüssig aussprechen können. Es ist der Name des indischen Finanzministers. Herr Chidambaram und seine Kollegen in China, Russland und Brasilien sind aufgerückt zu den westlichen Hauptdarstellern der Weltwirtschaft.

"Die Dynamik der Weltkonjunktur wird zunehmend von anderen Wirtschaftspartnern bestimmt. Vor allem von den Schwellenländern", sagte der persönliche Berater der Kanzlerin und Staatssekretär im Wirtschaftsministerium, Bernd Pfaffenbach, im Interview mit machtmaschine. "Man trifft sich mittlerweile nicht nur beim G8-Gipfel mit zusätzlichen Gästen, sondern verstärkt insgesamt die Zusammenarbeit."

Die Mächte der Welt verschieben sich. Sie tun das schon seit Jahren, aber der 0Westen hat lange die Augen vor dem schleichenden Machtverlust verschlossen. In der globalen Finanzkrise wird auch den letzten Europäern und Amerikanern deutlich, dass sie nicht mehr allein das Steuer der Welt in der Hand halten.

Gleichberechtigt und ohne Rangordnung

Der Weltfinanzgipfel in Washington war der letzte Beweis: Die einstigen Schwellenländer sind eine Weltmacht, sie sitzen an einem Tisch mit den USA und der EU. Gleichberechtigt und ohne Rangordnung.

"Die G7-Welt ist am Ende", sagte Dirk Messner zu machtmaschine. In den Augen des Entwicklungsexperten am Deutschen Institut für Entwicklungspolitik ist für die westliche Welt die Zeit an der Macht vorbei: "o2040 werden die G7-Länder nur noch in der zweiten Reihe sitzen."

Noch 2002 stand im Bericht der Enquete-Kommission des Bundestages zur Globalisierung: "Die deutsche Wirtschaft kann insgesamt als Gewinner der Globalisierung angesehen werden." Im gleichen Bericht wird allerdings China nur als wichtiger Partner in der Textilwirtschaft geführt, Indien taucht auf den kapp 600 Seiten nur als Entwicklungsland auf.

Das neue Selbstbewusstsein der einstigen Schwellenländer

Die zwanzig wichtigsten Industrienationen saßen beim Weltfinanzgipfel an einem Tisch
Die zwanzig wichtigsten Industrienationen saßen beim Weltfinanzgipfel an einem Tisch
Während der Westen erst jetzt realisiert, was ihm da zustößt, stehen die aufsteigenden Nationen, allen voran China und Indien, schon mit breiter Brust vor ihren neuen Aufgaben. "Die G20 haben heute den Platz der G7-Staaten in der Weltwirtschaftsordnung eingenommen", sagte der indische Finanzminister Chidambaram Mitte November auf dem Weltwirtschaftsforum in Neu-Delhi. Selbstbewusstsein auch in China: "Die G7 verlieren schnell ihre Bedeutung. Es ist absurd, China und andere Schwellenländer auszugrenzen", verkündete Jun Liqun, der Chef des chinesischen Staatsfonds China Investment Corp.

Seit sieben Jahren wachsen die Exporte Chinas und Indiens doppelt so schnell wie der Welthandel. Täglich häufen die Chinesen Reserven von 1,5 Milliarden Dollar an, mit ihren Währungsreserven setzt die Volksrepublik die USA latent unter Druck. Noch nie gab es in den ASEAN-Ländern so viele Menschen mit hoher oBildung wie heute. Die wachsende wohlhabende Mittelschicht ist Konjunkturmotor und fördert die Erneuerung der ganzen Region.

Der Westen schaut panisch in den Abgrund

Sicher, die Finanzkrise trifft auch die Schwellenländer hart. Die Globalisierung vereint die Länder in Zeiten des Wachstums und in Zeiten der Rezession. Doch während die alten Führungsmächte panisch in den Abgrund einer Rezession starren, werden für Asien noch 6,5% Wirtschaftswachstum erwartet, für Lateinamerika immerhin noch 4,2% (Quelle: Allianz Dresdner Economic Research, Stand: 07.10.08). Die Überschüsse der letzten Jahre sorgen für anhaltende Investitionskraft auch in Zeiten der Wirtschaftskrise.

Wenn früher ein Sack Reis in China umfiel, interessierte das niemanden. Heute bebt die Weltwirtschaft. Die BRIC-Staaten Brasilien, Russland, Indien und China prägen längst Produktionszyklen, Rohstoffnachfrage, Umweltbelastungen und das weltweite Ausgabeverhalten.

China expandiert. In Jiuquan startet eine Rakete mit einem chinesischen Raumschiff
China expandiert. In Jiuquan startet eine Rakete mit einem chinesischen Raumschiff
Die wirtschaftliche Stärke der BRIC ruft zugleich den Wunsch und die Notwendigkeit nach mehr politischer Verantwortung hervor. "Es ist inakzeptabel, dass der Posten des Direktors des Währungsfonds einem Europäer und der der Weltbank einem Amerikaner vorbehalten bleiben", sagte Kishore Mahbubani. Er gehört zu den einflussreichsten Politikwissenschaftlern der Welt, lehrt an der Nationaluniversität von Singapur. In seinem Buch "The New Asian Hemisphere" attackiert er eine Weltordnung, die noch immer die Strukturen aus der Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg habe. Und nicht die der Machtverhältnisse im 21. Jahrhundert.

Es droht blockierte Mulitpolarität

Die Finanzkrise gibt dem Übergang in die multipolare Welt nun noch einmal einen gehörigen Schub. Doch eine multipolare Weltordnung begrenzt den Spielraum für alle Mächte. Ohne eindeutigen Anführer droht Reformstillstand. "Bei komplizierten Interessenlagen, zum Beispiel in der Klimapolitik, droht eine blockierte Multipolarität. Keine einzelne Macht ist mehr in der Lage, Vorgaben zu machen oder Führungsverantwortung zu übernehmen, die von den anderen akzeptiert würde", sagt Entwicklungsexperte Messner.

Der Westen muss sich jetzt nicht nur daran gewöhnen, die Kulturhoheit auf der Welt zu verlieren - er muss damit auch klug umgehen. "Wenn neue Mächte entstehen, kommt es immer zu Spannungen und Konflikten", schreibt Politikwissenschaftler Mahbubani. "Sie können vermieden werden, wenn alle die Regeln einer neuen globalen Partnerschaft akzeptieren." Mit "alle" meint er vor allem den Westen.

Die Welt braucht neue Regeln

Aber für die neue globale Partnerschaft müssen diese neuen Regeln erst einmal entstehen. Bis jetzt agieren auch die neuen Mächte noch nach dem Prinzip "Erst kommt das Fressen, dann die Moral". China schließt in Afrika munter Verträge mit Diktatoren wie Robert Mugabe, um die Rohstoffzufuhr abzusichern. Russland spielt gnadenlos seine Macht als Gaslieferant aus und setzt Europa unter Druck. Die Agrarmacht Brasilien gerät immer wieder im Zusammenhang mit Sklaverei in die Schlagzeilen.

Der Westen hatte die Macht. Noch ist es wenigen Menschen der nördlichen Hemisphäre bewusst, aber Kishore Mahbubani hat vermutlich Recht, wenn er sagt: "Dieses Jahrhundert ist ein asiatisches. G8 und Nato sind Organisationen der Vergangenheit."




Wir hatten die MachtWir hatten die Macht

Die Zeit des Westens läuft ab. Wir müssen uns an eine neue Weltordnung gewöhnen.

Die Sofa-DemokratenDie Sofa-Demokraten

Im Internet entsteht eine neue demokratische Macht mit neuen politischen Aktivisten.

Prälat Karl Jüsten - Der Lobbyist GottesDer Lobbyist Gottes

Die Bischöfe haben einen Vertreter in Berlin. Er soll für sie die Politik beeinflussen.

Die Macht der MedienDie Macht der Medien

Schlagzeilen, Interviews, Kampagnen - Journalisten reden Klartext.

Gregor Gysi - Reden ist MachtReden ist Macht

Die großen Rhetoriker: Die Tricks von Gysi, Westerwelle und Merkel enthüllt.

Die Polit-FlüstererDie Polit-Flüsterer

Wer steuert Politiker aus dem Hintergrund? Spurensuche bei Lobbyisten und Kritikern.

Das Ding in meinem KopfDas Ding in meinem Kopf

Der freie Wille ist eine Illusion. Hat der Mensch keine Macht über sein Handeln und seine Wünsche?

Die Kunst der IntrigeDie Kunst der Intrige

Wer nach oben will, sollte intrigant sein, sagt Psychologe Detlev Liepmann.

Gerhard Schröders SchattenSchröders Schatten

Wolfgang Nowak war Kanzlerberater. Ein Gespräch über Schwächen der Macht.

Privilegien der MachtPrivilegien der Macht

Die Mächtigen genießen Sonderstatus. Verbrechen ohne Strafe ist nur eines.

Barack Obama - Alles in einer HandAlles in einer Hand

Politiker grüßen, schmähen und warnen. Vor allem mit ihren Gesten.

Strategie mit HerzStrategie mit Herz

Wenige deutsche Firmen sehen die Macht der guten Werke. Das sollte sich ändern.