Ich und das Ding in meinem Kopf

Das größte Rätsel der Menschheit ist immer noch der Mensch selbst. Wir verblüffen uns mit unserem Handeln, unseren Entscheidungen. Wir denken, in unserem Bewusstsein wären wir frei, dabei haben wir in unserem Kopf gar nicht das letzte Wort.

Professor Gerhard Roth:
Professor Gerhard Roth: "Den unbedingten freien Willen kann es gar nicht geben"
In der Frage steckt viel Entsetzen: Warum habe ich das bloß getan? War mir nicht bewusst, was passieren würde? Es ist eine typische Scherbenhaufenfrage. Der Schaden ist angerichtet, der Ärger ist da. Nichts mehr zu machen.

Kehrt man die Scherben beiseite, bleibt aber der Kern der Frage faszinierend: Warum tun wir Dinge? Wieso treffen wir Entscheidungen, die uns nachher wundern oder ärgern? Was in uns hat die Macht über unser Handeln?

Die moderne Hirnforschung hat gezeigt: Unser freier Wille ist es nicht. Die Vorstellung ist beängstigend und fremd. "Viele Menschen befürchten, mit dem Leugnen eines freien Willens gebe man zu, man sei fremdbestimmt. Das oGehirn entscheidet und man selbst kann nichts dagegen tun", sagt Gerhard Roth, Professor am Institut für Hirnforschung der Uni Bremen. Aber trotzdem: "Den unbedingten, freien Willen kann es gar nicht geben."

In unserem Gehirn konkurrieren Motive

Neurobiologen und Psychologen reden stattdessen vom Motiv-Determinismus. In unserem Gehirn konkurrieren unbewusst verschiedene Motive darum, was wir als nächstes tun. Oft entscheidet das Gehirn ohne unser Zutun, vor allem bei automatisierten oder hoch emotionalen Aktionen. Wir wundern uns dann, wie machtlos wir gegen das Handeln unseres Hirns sind.

"Wir nehmen unser Hirn nur über die von ihm erzeugten Zustände und Handlungen wahr", sagt Roth. "Die Vorgänge, die an der Bildung unserer Motive und unseres Willens im Gehirn beteiligt sind, sind für uns nicht erfahrbar. Wenn wir stark von unbewussten Motiven bestimmt werden, mag uns unser eigenes Verhalten rätselhaft erscheinen."

Erst überlegen wir lange - und machen dann doch nicht das, was der Verstand uns rät
Erst überlegen wir lange - und machen dann doch nicht das, was der Verstand uns rät
Nur bei komplizierten Entscheidungen wägen wir ganz bewusst die Handlungsalternativen und Konsequenzen. Wir überlegen, gewichten, bewerten – und nicht selten machen wir etwas ganz anderes, als der oVerstand uns rät. Am Ende setzen sich die stärkeren Motive durch, auch wenn es die unbewussten sind.

Aber gerade auf diese Motive haben wir keinen Einfluss. Sie entstehen aus unserer Persönlichkeit, und diese können wir weder selbst erschaffen, noch können wir sie ablegen oder ändern. "Unsere Persönlichkeit ist ein Produkt unserer Entwicklung in Kindheit und Jugend", sagt Roth. Gene, Hirnentwicklung, frühe Bindungserlebnisse und psychosoziale Erfahrungen wirken dabei gemeinsam und beeinflussen sich gegenseitig.

Psychopathie ist bei Machtmenschen oft anzutreffen

Ohne unser Zutun formt sich so aus den gerade drängenden Bedürfnissen und Motiven unser Wille. Auffälliges Verhalten lässt sich daher ebenfalls als Mischung aus genetischer Ausstattung und frühkindlicher Prägung erklären.

"Beispielsweise sind Menschen mit ausgeprägtem Machtbewusstsein oft schon in der Kindheit an ihrer narzisstischen Persönlichkeit zu erkennen", sagt Roth. "Wenn diese mit Intelligenz und einem bestimmten Mangel an Empathie und sozialer Erziehung gepaart ist, entsteht die höchst gefährliche 'antisoziale Persönlichkeitsstörung' oder 'Psychopathie', die bei Machtmenschen in Politik und Wirtschaft oft anzutreffen ist."

Es gibt trotzdem die Illusion des freien Handelns. "Menschen fühlen sich frei, wenn sie entsprechend ihrer Neigung handeln können", erklärt Roth. Doch gerade diese Neigung, der eigene Wille, ist eben ein Resultat aus Erziehung, Prägung und genetischer Ausstattung. Und ist damit alles andere als frei.


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