Die Sofa-Demokraten

Im Internet entsteht eine neue demokratische Macht. Alle, die sich nicht über Parteien, sondern individuell politisch betätigen möchten, finden online ihr Glück. E-Partizipation ist der Schlüssel zu dieser besonderen Klientel politischer Aktivisten: Jung, gebildet und engagiert - aber nur vom heimischen PC aus.

So schön kann Politik aussehen: Bequem vom Sofa aus eine Petition an den Bundestag richten
So schön kann Politik aussehen: Bequem vom Sofa aus eine Petition an den Bundestag richten
Angela Merkel braucht unsere Hilfe. Wie soll das neue Gesetz zur sicheren Kommunikation im Internet aussehen? Ein praxisnaher Gesetzesentwurf muss her. Darum wird das Volk um Rat gefragt. Im Internet. Die im November 2008 frisch gelaunchte Seite e-konsultation.de, auf der die Regierung nun regelmäßig die Meinung des Bürgers zu verschiedenen Gesetzen einholen möchte, zeigt, wie politisch das Internet geworden ist. In Zeiten, in denen die Hälfte aller Deutschen online ist, hat sich das Internet alle Lebensbereiche einverleibt – und gebiert eine eigene politische Kultur.

Das Internet macht politische Kommunikation denkbar einfach. Gesetzesentwürfe kommentieren, e-Petitionen für den Bundestag machen oder auf kommunaler Ebene über Bauprojekte in der Heimatstadt diskutieren. Das alles womöglich mitten in der Nacht und bequem vom oSofa aus. E-Partizipation ist weniger anstrengend als ein Engagement im Ortsverein einer Partei oder Bürgerinitiative – und weniger verbindlich. Genau diese Eigenschaften machen die politische Kommunikation im Internet für eine bestimmte Zielgruppe besonders attraktiv: die der 18- bis 30-Jährigen. Diese Altersgruppe weist bei Wahlen bisher die schlechteste Beteiligung auf, ist dafür aber fast vollzählig im Netz aktiv.

So wie Kerstin. Die 27 Jahre alte Studentin beteiligt sich bei zusammenleben-in-berlin.de. Das Portal sammelt Vorschläge zur Verbesserung der Lebensqualität in der Hauptstadt und bietet Möglichkeiten zur Diskussion. Die Ergebnisse werden vom Berliner Familienbeirat verwertet. "Als zukünftige Lehrerin finde ich die Möglichkeit super, online Vorschläge zu Betreuung und Bildung zu machen und darüber mit anderen zu diskutieren", sagt sie. "Das nimmt mir das Gefühl, überall nur ohnmächtig zuzusehen."

Der "bequeme Moderne" vermeidet politische Außer-Haus-Aktivitäten

Die Kommunikationswissenschaftlerin Angelika Füting beobachtet seit einigen Jahren, wie verschiedene Bevölkerungsgruppen in Deutschland politisch kommunizieren. Im Rahmen eines Projekts der oDeutschen Forschungsgemeinschaft an den Universitäten Ilmenau und Düsseldorf hat sie einen neuen Typus des politisch aktiven Bürgers identifiziert: den "bequemen Modernen". Durchschnittlich 32 Jahre alt, vorwiegend männlich und gebildet ist dieser Typ – aber politische Außer-Haus-Aktivitäten vermeidet er.

"Betrachtet man nur die ‚reale Welt’, so fällt der ‚bequeme Moderne’ gar nicht als politisch aktiv auf", erläutert Füting. "Seine politische Kommunikation spielt sich fast ausschließlich im Internet ab." Bereits 18 Prozent der Bevölkerung zählt Füting basierend auf repräsentativen Befragungen zu solchen Sofa-Demokraten. Tendenz steigend. Es sieht sogar so aus, als würde der neue Online-Typus den der klassisch politisch Aktiven über kurz oder lang ersetzen. "Die Gruppe der parteipolitisch Engagierten ist durchschnittlich 58 Jahre alt. Dieser Typus wächst nicht nach", stellt Angelika Füting fest.

"Die Leute sind nicht generell politikverdrossen, sie möchten nur nicht mehr das Gesamtpaket einer Partei kaufen müssen, um sich politisch zu beteiligen", sagt Gregor Hackmack. Er ist Mit-Initiator des Online-Portals "abgeordnetenwatch.de", auf dem Bürger Fragen an die Mitglieder von Bundestag und EU-Parlament stellen und deren Abstimmungsverhalten beobachten können. "Viele Leute möchten sich sachbezogen einbringen, sich zu Themen äußern, die sie persönlich interessieren", glaubt Hackmack. "Diese Individualisierung der Politik kann das Internet hervorragend bedienen." Das Parteiensystem als alleinigen Träger der Entscheidungsbildung hält er bereits jetzt für ein Auslaufmodell.

Portale wie Abgeordnetenwatch demonstrieren den größten Vorteil, den das Internet für die politische Kommunikation bietet: die Möglichkeit des direkten Dialogs zwischen Politikern und Bürgern - ohne dass die klassischen Medien die Themen vorher auswählen, einordnen und kommentieren. Die Parteien haben diesen Vorzug erkannt und versuchen, mit eigenen Social-Networks wie meine-spd.net oder my.fdp.de potentielle Wähler an sich zu binden.

Der viel bestaunte Online-Wahlkampf in den USA macht aber klar, was in Deutschland noch Mangelware ist: Barack Obama war nicht allein mit seiner eigenen Webseite erfolgreich, sondern hat die klassischen Online-Treffpunkte wie Facebook oder Youtube mit politischen Inhalten gefüllt. Er hat nicht in der Parteizentrale auf die Wähler gewartet, sondern sie auf dem Marktplatz getroffen – genau so, wie klassischer Wahlkampf auch in der realen Welt funktioniert.

Der dialogische Charakter der politischen Online-Kultur wird sich auch bei uns früher oder später allgemein durchsetzen. Das "Mitmachnetz" ist für die junge Generation die gelernte Form der Kommunikation. Das wird sie sich nicht mehr abgewöhnen lassen.

Die Zukunft der Demokratie ist sicher. Sie liegt vor uns. Im Internet.


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Im Internet entsteht eine neue demokratische Macht mit neuen politischen Aktivisten.

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