Was von den Kanzlern übrig bleibt

Er kennt sie, er schreibt über sie, er nimmt sie auseinander: In seinem neuen Buch vergleicht Politik-Professor Gerd Langguth Helmut Kohl, Gerhard Schröder und Angela Merkel. Im Interview mit machtmaschine spricht er über die wichtigsten Leistungen der Drei und verrät, wer von ihnen den größten Machthunger hat.

Professor Gerd Langguth
Professor Gerd Langguth
machtmaschine: Staatsdiener oder öffentlicher Machtgenießer? Wie unterscheiden sich die Kanzler Kohl, Schröder und Merkel?

Gerd Langguth: Alle genießen die Macht. Jeder, der am Zaun des Kanzleramtes rüttelt, das hat Schröder zumindest früher symbolisch getan, ist ein Machtmensch. Sie genießen Macht, dennoch sollte man ihnen idealistische Motive nicht absprechen. Klar ist: Von den drei oKanzlern hat Schröder am Offensten seinen Machtwillen bekundet.

Wie interpretierten die Drei ihr Amt?

Kohl hat sich als jemand verstanden, der Deutschland immer wieder im geschichtlichen Kontext analysierte und interpretierte. Er war der Ideologischste. Schröder wollte nach seinem Selbstverständnis zwar "oben" sein, das Wort "Genosse der Bosse" ist richtig, aber er hat auch immer wieder an die "kleinen Leute" gedacht.
"Je größer die Macht, desto größer die Gefahr, sie zu missbrauchen." Alt-Kanzler Helmut Kohl
Er war ein sozialdemokratischer Kanzler, der pragmatisch, ohne ideologische Scheuklappen operierte. Angela Merkel wirkt auf viele sphinxhaft, weil sie am unideologischsten operiert. Aber sie kann sich in ihrem Pragmatismus mit Schröder messen.

Merkel als mächtigste Frau der Welt. Kohl als derjenige, der am längsten an der Macht war. Schröder als größter Machtgenießer. Was wird der Bürger von den Dreien im Gedächtnis behalten?

Kohl ist zweifelsohne der Kanzler der Deutschen Einheit. Das ist sein bleibender Verdienst. Schröder hat die Agenda 2010 umzusetzen versucht und ist damit sehenden Auges in den politischen Abgrund gestürzt, weil er in der Bevölkerung Unpopuläres durchzusetzen versuchte. Und Angela Merkel changiert zwischen dem Attribut der Umweltkanzlerin und jetzt der Krisenkanzlerin im Zusammenhang mit den internationalen Finanzmärkten. Ein abschließender Befund wäre aber heute noch zu früh.

Warum ist Machtgenuss oder Macht an sich in Deutschland so verpönt?

Gerhard Schröder ist eine Ausnahme von der Regel: Er hat sich immer ganz offen zum Machtgenuss bekannt. Dies aber hatte dann auch eine negative Wirkung in der Bevölkerung, als er die Attribute des Oben-Angekommen-Seins so herausstrich, nämlich seine Brioni-Anzüge oder die Cohiba-Zigarren.
"In der Demokratie wird die Macht immer nur auf Zeit verliehen." Alt-Kanzler Gerhard Schröder
Deutsche wollen, dass ihre Politiker, die an der Spitze sind, fast asketisch leben. Das macht übrigens den enormen Beliebtheitsgrad von Merkel aus. Ob man mit ihr politisch übereinstimmt oder nicht, es gibt keinen Zweifel daran, dass sie einen ungeheuren oFleiß an den Tag legt. Die Deutschen sind eben der Meinung, dass ihr Regierungschef arbeiten muss und nicht feiern soll!

In anderen Ländern ist der Staats- oder Regierungschef nicht nur Arbeitstier, sondern Star. Zum Beispiel Nicolas Sarkozy in Frankreich.…

Deutschland ist eine viel nüchternere Demokratie. Das Emotionale wurde in der Politik aufgrund unserer historischen Belastung enorm zurückgedrängt. Deswegen gibt es auch keine deutschen Obamas, weil in einer Konsensdemokratie wie der unseren Politiker eben keine vergleichbare charismatische Ausstrahlung entwickeln können.

"Macht ist das Gegenteil von Ohnmacht." Bundeskanzlerin Angela Merkel
Zeitstrahl 1982–2008: Hat sich die Machtausübung der Kanzler verändert?

Nur wenig. Kohl und Merkel haben in besonderer Weise ihre idealistischen Motive – etwa dem Wohl des Landes dienen zu wollen – herausgestellt. Schröder hat das auch, hat aber zugleich immer wieder seinen persönlichen Aufstieg mit Hilfe der Politik genannt.

Welche Art der Machtausübung war die demokratischste?

Alle drei sind demokratisch legitimiert worden. Jeder hat seinen eigenen Stil. Ich denke, dass in der Großen Koalition am ehesten das Kabinett als Ort der politischen Entscheidung zu seinem Recht kommt. Hingegen waren die Bundeskabinette in den Kleinen Koalitionen unter Kohl und Schröder häufig nur Absegnungsorgane.



Franziska Wille    25. November 2008

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Geheimnisse: Gerhard Schröders Schatten
Orte: Die Orte der Macht






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