In der Kernfrage gespalten

Dieter Marx wirbt für die Atomenergie. Tobias Münchmeyer kämpft dagegen. Beide sind Lobbyisten. Der eine beim Deutschen Atomforum, der andere bei Greenpeace. Natürliche Feinde - im Streitgespräch über die Macht der Lobby haben sich die beiden trotzdem an einen Tisch gesetzt.

Atomlobbyist Dieter Marx
Atomlobbyist Dieter Marx
machtmaschine: Wann haben Sie beide sich eigentlich das letzte Mal gesehen?

Dieter Marx: Das ist zwei Monate her. Wir haben beim Deutschen Atomforum mit zwei Befürwortern der Kernenergie und zwei Gegnern diskutiert. Herr Münchmeyer war auch auf dem Podium.

oTobias Münchmeyer: Ich meine, ich hätte Sie danach sogar noch mal gesehen.

Das heißt, die Lobbywelt findet doch nicht nur im Hinterzimmer und auf Partys von Abgeordneten statt?

Marx: Die Lobbywelt ist überall. Die Konferenzen sind die eine Seite. Die andere Welt ist informell – auf Partys und Empfängen.

Haben Sie die Nummer des jeweils anderen in Ihrem Handy gespeichert?

oMarx: Nein. So eng ist der Kontakt nicht. Wir vertreten ja immer noch unsere Interessen – und die sind sehr gegensätzlich. Ein gewisses Freund-Feind-Bild gibt es dann doch.

Münchmeyer: So gesehen ist dieses Treffen zwar sehr interessant, aber überhaupt nicht typisch für unsere Arbeit.

Ihre Arbeit hat einen schlechten Ruf. Was läuft schief im Lobbyismus?

Münchmeyer: Mir ist es ein Dorn im Auge, wenn Vertreter der Industrie für ein halbes Jahr oder ein Jahr in das Wirtschaftsministerium wechseln. Dieser Austausch ist nicht akzeptabel.

Marx: Ich finde das nicht schlecht. Im Gegenteil, die Politiker sollten sich nicht von der Wirtschaft isolieren.

Greenpeace-Lobbyist Tobias Münchmeyer
Greenpeace-Lobbyist Tobias Münchmeyer
Münchmeyer: Na ja, zu enge Verstrickungen bergen Gefahren. Stichwort Korruption und Filz.

Marx: Eine offensichtliche Nähe zwischen den Grünen und Umweltorganisationen bewerten Sie positiv. Wenn es aber um Interessensgruppen der Wirtschaft geht, ist das dann schlimm.

Wer ist eigentlich mächtiger von Ihnen beiden?

Marx: Wir werden sicherlich als Vertreter großer Unternehmen als die Mächtigeren wahrgenommen. Aber Greenpeace hat über die Jahre eine unglaubliche Macht erhalten.

Münchmeyer: Wenn wir uns ausschließlich mit dem oAtomforum vergleichen, sind wir sicherlich mächtiger. Doch stehen hinter dem Forum ja die Stromkonzerne. Und die können allein über ihre hohen Umsätze politischen Druck aufbauen.

Marx: Wir geben vielleicht mehr Geld für Anzeigen aus als Greenpeace, aber Sie planen medienwirksame Aktionen. Wenn wir unsere Wintertagung mit 300 Teilnehmern veranstalten, steht eine kleine Gruppe von Greenpeace-Aktivisten vor der Tür und rollt ein Plakat aus. Und natürlich landen die paar Leute dann am nächsten Tag auf den Titelseiten der Zeitungen. Das ist sogar kostenlose Werbung.

Münchmeyer: Es gibt genug Aktionen, über die nicht berichtet wird. Außerdem landen die Stromkonzerne regelmäßig auf den Titelseiten. Natürlich nicht das Atomforum selbst.

Moment mal! Sie streiten sich hier darum, wer weniger Macht hat. Gehört Understatement zu Ihrem Job?

Münchmeyer: Ich finde, dass es einen Unterschied zwischen meiner Arbeit bei oGreenpeace und Lobbyarbeit von Industrievertretern gibt. Wir sind Anwalt für die Umwelt, denen geht es vor allem um Profit.

Marx: Jetzt wird’s ideologisch. Natürlich macht Herr Münchmeyer auch Lobbyarbeit, nur sind die Motive andere. Nach Ihrer Sicht, sind Sie die Retter der Erde und uns geht es nur ums Geld.

Stichwort: Wandel im Bewusstsein. Eine aktuelle Umfrage sieht die Zustimmung der Deutschen zum Atomausstieg nur noch bei 41 Prozent. In 2000 waren es noch 61 Prozent.

Münchmeyer: Diese Umfrage möchte ich sehen.

Infratest-Dimap von November 2008.

Marx: Ich bin ja froh, dass es nicht unsere Umfrage ist.

Münchmeyer: Ich kann Ihnen viele Statistiken zeigen, die das Gegenteil aussagen.

Die gegnerischen Lobbyisten im Gespräch mit machtmaschine-Redakteur Christian Unger
Die gegnerischen Lobbyisten im Gespräch mit machtmaschine-Redakteur Christian Unger
Marx: Unsere Umfragen zeigen diese Skepsis gegenüber dem Atomausstieg auch.

Münchmeyer: Ich sehe einen ganz anderen Wandel: Noch nie haben so viele gegen den Castor-Transport nach Gorleben protestiert wie in diesem Jahr. Noch nie waren die Demonstranten so jung.

Marx: An diesem Beispiel sieht man gut, wie viel Macht eigentlich kleine Gruppen haben. Natürlich würden die vielen Befürworter der Atomkraft nicht in Gorleben demonstrieren.

Herr Marx, in 2007 hat das Deutsche Atomforum den Negativpreis der Organisation "Lobby Control" erhalten. In Ihrer Werbekampagne "Deutschlands ungeliebte Klimaschützer" haben Sie Atommeiler an Flüssen, Wiesen und Wäldern gezeigt. Naturidyll mit Atomkraft. Ist das noch Lobbyismus oder schon Manipulation?

Marx: Das ist vor allem plakative Werbung. Es waren ja keine Fotomontagen. Viele Kraftwerke stehen an Flüssen und Wäldern.

Münchmeyer: Sie sollten dann aber auch sagen, warum.

Marx: Weil die Kraftwerke nicht in Ballungszentren stehen sollten. Stimmt, dafür gab es keine Akzeptanz in der Bevölkerung. Wir wollten mit unserer Kampagne das Thema Klimaschutz in den Mittelpunkt stellen: Denn Atomenergie produziert fast CO2-frei. Daher haben wir den Preis zu Unrecht bekommen.

Herr Münchmeyer, um welche Fähigkeiten beneiden Sie Herrn Marx?

Münchmeyer: Beneiden. Hm. Ich schätze vor allem seine Offenheit. Auch die Einladung zur Podiumsveranstaltung vor zwei Monaten hat mich gefreut.

Marx: Das Kompliment kann ich gleich zurückgeben. Der Dialog ist offener geworden. Alte Feindbilder verschwinden allmählich. Das gilt auch für Greenpeace.






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