Karl Jüsten: "Ich kann Angela Merkel erreichen, wenn es nötig ist"

Prälat Karl Jüsten ist Chef-Lobbyist der Katholischen Kirche. Im Interview mit machtmaschine erzählt er, wie die Kirche in Deutschland ihre Interessen durchsetzt, warum er auch bei den Themen Verteidigung und Straßenbau mitreden will und mit welchem Fahrzeug er zur Kanzlerin fährt.

Er soll Politiker im Sinne der Bischöfe beeinflussen: Prälat Karl Jüsten an seinem Schreibtisch in Berlin
Er soll Politiker im Sinne der Bischöfe beeinflussen: Prälat Karl Jüsten an seinem Schreibtisch in Berlin
machtmaschine: Herr Prälat, haben Sie als Cheflobbyist der katholischen Kirche die Handynummer von Angela Merkel?

Karl Jüsten: Ich weiß Frau Merkel zu erreichen, wenn es erforderlich ist.

Wann haben Sie das in der Vergangenheit gemacht?

Jüngst habe ich das Gespräch gesucht, um die Bundesregierung zu bitten, den Flüchtlingen aus dem Irak zu helfen. Im Irak werden viele Menschen aus religiösen, ethnischen oder sonstigen Gründen verfolgt. Sie haben ihre Heimat verlassen und suchen ein Land mit einer guten Lebensperspektive. Deutschland und oEuropa sollten hier helfen.

Haben Sie darüber persönlich mit Angela Merkel gesprochen?

Ja. In der Regel aber trage ich oder ein Referent unseres Büros unsere Anliegen dem zuständigen Ministerium oder Mitarbeiter im Kanzleramt vor.

Wo trifft man sich mit der Kanzlerin?

Zuletzt konnten wir bei dem turnusmäßig stattfindenden Gespräch der Deutschen Bischofskonferenz mit dem Präsidium der CDU in unserem Büro darüber mit ihr sprechen.

Lobbyismus hat den Ruch des Hinterzimmers. Welche inoffiziellen Kanäle nutzen Sie?

Um Anliegen anbringen zu können, müssen Sie die richtigen Kontaktpersonen kennen. Die Beziehungspflege zu allen Akteuren ist sehr wichtig. Dazu gehören die Politiker, die Ministerialbeamten, aber auch die vielen anderen Lobbyisten und schließlich die Medien. Kungeleien oder Winkeladvokatentum sind nicht für unsere Arbeit geeignet.

Auf welche Gesetze hat die Kirche besonders großen Einfluss gehabt?

Das Zuwanderungsrecht und das Embrionenschutzgesetz waren in jüngster Zeit zwei für uns sehr wichtige Themen. Besonders freue ich mich, dass wir in der Entwicklungspolitik eine feste Größe im politischen Diskurs sind. Die gemeinsame Policy der evangelischen und katholischen Kirche findet über alle Parteigrenzen hinweg hohe Anerkennung.

Wie genau nehmen Sie denn Einfluss?

Am Beispiel oBioethik kann ich erhellen, wie wir im politischen Meinungsbildungsprozess vorgehen. Wir haben öffentlich deutlich gemacht, dass wir es begrüßen, wenn auf ethisch unbedenkliche Weise Forschungsergebnisse erzielt werden, die den Menschen dienen. Allerdings haben wir immer kritisiert, wenn man glaubt, Embryonen zu Forschungszwecken töten zu dürfen. Diese Position haben wir den Parlamentariern aller Coleur erklärt. Viele, auch einige prominente Abgeordnete, haben sich unserer Auffassung angeschlossen und dies im Gesetzgebungsverfahren vertreten. Heute haben wir ein Embrionenschutzgesetz in Deutschland bekommen, das weltweit zu den strengsten zählt.

Zu welcher Bundestagsfraktion haben Sie den besten Draht?

Wir pflegen zu allen demokratisch legitimierten Parteien im Bundestag Beziehungen. Gleichwohl gibt es immer noch eine besondere Nähe zur Union, denn in ihrer Fraktion sind nach wie vor die meisten engagierten Katholiken. Aber in den anderen Fraktionen wächst die Zahl der Katholiken, die offensiv für christliche Belange eintreten.

Rufen Sie einzelne Abgeordnete an?

Natürlich. Vor wichtigen Abstimmungen führen meine Mitarbeiter und ich viele Gespräche.

Ihr Blackberry liegt auf dem Tisch wie bei einem Manager. Welche Insignien der Macht haben Sie?

Insignien der Macht sind überflüssig. Ich schätze die neuesten technischen Kommunikationsmöglichkeiten einfach, weil sie meine Arbeit erleichtern.

Keine dicke Uhr, keine teuren Mäntel?

Das Einzige, was mich bei meiner Arbeit wirklich unterstützt, ist meine Priesterkleidung. Wenn ich den römischen Kragen anhabe, weiß jeder, wer ich bin. Das ist ein Zugangsweg, den andere nicht haben.

Haben Sie einen Fahrer?

Hier im Haus haben wir einen Haustechniker, der gleichzeitig Fahrdienste für die Bischöfe und für mich übernimmt. Aber mein schnellstes Fortbewegungsmittel hier in Berlin ist eine königsblaue Vespa.

Sie fahren aber zu einem Treffen mit der Kanzlerin nicht mit der Vespa.

Doch, das mache ich auch. Warum nicht?







Lucas Wiegelmann    25. November 2008

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