Jungpolitiker Lührmann und Gottschalk: Von Null auf Macht

Mit 19 Jahren kam sie in den Bundestag, er wurde mit 26 Berater des französischen Premiers. Im Gespräch* mit machtmaschine reden Anna Lührmann und Christoph Gottschalk über Karriere, Macht als Droge und ihre Erfolgsrezepte – die erstaunlich ähnlich sind.

Anna Lührmann zog 2002 als jüngste Abgeordnete aller Zeiten in den Bundestag ein
Anna Lührmann zog 2002 als jüngste Abgeordnete aller Zeiten in den Bundestag ein
machtmaschine: Frau Lührmann, wenn Sie an den Tag der Bundestagswahl 2002 zurückdenken: Wann haben Sie realisiert, dass Sie Macht besitzen?

Anna Lührmann: An dem Tag eigentlich gar nicht. Die Wahl kam für mich ja total überraschend. Ich habe in dem Moment gar nicht an das Große, Ganze gedacht. Mein Einstieg kam so plötzlich, er war so besonders, da hatte ich kaum Zeit zum nachdenken. Weil ich so jung war, hatte ich allerdings sofort ein ziemlich großes Medieninteresse. Die neuen Möglichkeiten, Botschaften zu setzen, habe ich natürlich sehr schnell registriert.

Und bei Ihnen, Herr Gottschalk? Als Sie mit 26 Jahren zum Berater des französischen Premierministers ernannt wurden: Wann haben Sie realisiert, dass Sie Macht besitzen?

Christoph Gottschalk wurde mit 26 Jahren Berater des französischen Premierministers
Christoph Gottschalk wurde mit 26 Jahren Berater des französischen Premierministers
Christoph Gottschalk: Das ist mir relativ schnell klar geworden. Ich saß ja plötzlich manchmal mit den mächtigsten Menschen Europas in einem Raum, hatte mein Büro in einem goldenen Palast und konnte mitbestimmen, was zu dem Premierminister durchkommt und was nicht. Raffarin hat mich von Anfang an Ernst genommen und mich um meinen Rat gebeten, auch in französischen Angelegenheiten. Das war eine riesige Verantwortung, die mich zunächst auch überfordert hat.

So jung und schon so mächtig. Besteht da nicht die Gefahr, dass man sich zu wichtig nimmt?

Lührmann: Absolut, da hatte ich auch große Sorge. Ich habe meinen Freunden und Verwandten gesagt: Holt mich wieder runter, wenn ich abhebe! Es ist zum Glück nie dazu gekommen. Allerdings habe ich auch selber viel dafür getan. Ich habe zum Beispiel sehr schnell damit aufgehört, mich mit dem Fahrdienst rumfahren zu lassen. Man lebt als Abgeordneter in Berlin ganz schnell wie in einer Blase, die man kaum noch verlässt. Warum sollte ich nicht wie ganz normale Pendler in der U-Bahn fahren? Solche Dinge haben mir sehr geholfen, mich nicht zu wichtig zu nehmen.

Gottschalk: Definitiv! Macht zu haben ist extrem sexy, macht Spaß und bringt eine hohe gesellschaftliche Anerkennung mit sich. Das kann einen auch verderben. Deshalb bin ich nach zweieinhalb Jahren auch ausgestiegen und habe mir ein halbes Jahr Auszeit gegönnt. Ich musste erstmal wieder runterkommen, mich orientieren und herausfinden, was ich eigentlich will im Leben.

Die Macht in der Partei haben zunächst andere, oder?

Lührmann: Ja, aber man versteht das Machtgefüge ja ziemlich schnell. Man bringt einen Vorschlag ja nicht direkt in der Fraktionssitzung ein, sondern man sucht sich Mitstreiter. Man fühlt vor. Natürlich gibt es Menschen mit mehr Macht in der Partei, aber wenn man die Strukturen, kennt, wenn man weiß, welches Gremium gerade wichtig für mich ist – dann kann man ziemlich viel erreichen.

Lührmann im Gespräch mit Joschka Fischer und Gerhard Schröder
Lührmann im Gespräch mit Joschka Fischer und Gerhard Schröder
Sie hatten also nie das Gefühl von Ohnmacht?

Lührmann: Nein, nicht direkt. Obwohl ich zugebe, dass die Arbeit in der Opposition manchmal frustrierend ist. Du bringst unzählige Anträge ein, aber nichts bewegt sich – zumindest nicht kurzfristig. Dagegen war meine Arbeit im Europa- und im Haushaltsausschuss sehr erfolgreich. Da sind viele meiner Anliegen durchgegangen, auch wenn hinterher natürlich nicht „von Anna Lührmann“ draufsteht. Das ist ein gutes Gefühl.

Wie war das bei Ihnen, Herr Gottschalk?

Gottschalk: Ich hatte Einfluss. Obwohl ich der jüngste Mitarbeiter im Kabinett war, wurde ich als Berater sehr schnell akzeptiert. Allein die Tatsache, dass auf einmal ein junger Deutscher mit am Tisch saß, hat einen Unterschied gemacht. Es wurde anders über Deutschland geredet und nachgedacht. Und Raffarin hat mich sehr nah an sich heran gelassen, das hatte ich gar nicht erwartet. Einmal hat er eine Rede auf Deutsch gehalten, aus symbolischen Gründen. Die Idee ist auf meinem Mist gewachsen. Ich habe sie sogar mit ihm geübt. Das ist schon ein tolles Gefühl, wenn du als kleiner Pimpf den Premierminister dazu bringst, Deutsch zu üben.

Wissenschaftler sagen, dass Macht ein erhebliches Suchtpotential birgt. Stimmen Sie dem zu?

Gottschalk: Auf jeden Fall. Macht ist wie eine Droge. Das muss aber nicht unbedingt negativ sein. Es kommt nur darauf an, wie man damit umgeht. Man muss sich seiner Macht bewusst sein, muss an etwas glauben. Macht darf nicht blind machen. Und es muss etwas dahinter stecken. Macht alleine reicht nicht, denn irgendwann ist sie weg und dann sollte man nicht nackt dastehen.

oLührmann: Ich sehe da kein Suchtpotential. Erstens, weil ich finde, dass Sucht immer einen erheblich negativen Beigeschmack hat. Eine Sucht ist etwas, wovon man sich befreien sollte. Warum ist es etwas schlechtes, wenn ich etwas bewegen will?
Und zweitens nehme ich mich als Gegenbeispiel. Ich höre ja auch einfach freiwillig auf, obwohl mir die Arbeit Spaß macht. Aber es stimmt schon: Viele meiner Kollegen würden an meiner Stelle weitermachen, nach größerer Macht streben.

Anna Lührmann:
Anna Lührmann: "Es darf nicht das Ziel sein, Berufspolitiker zu werden"
Sie lassen sich die Option offen, zurückzukommen.

Lührmann: Ja, und das erleichtert mir die Entscheidung. So ist sie nicht ganz endgültig. Zum Glück bin ich so jung, dass ich einfach sagen kann: Vielleicht komme ich in 15 Jahren wieder. Denn die Arbeit ist natürlich sehr reizvoll. Im Haushaltsausschuss diskutieren wir über Millionen- und Milliardenbeträge, schieben sie hin und her. Bis man solche Dimensionen in anderen Berufen erreicht, muss schon viel passieren.

Und Sie, Herr Gottschalk? Können Sie sich vorstellen, in die Politik zurückzugehen?

Gottschalk: Im Moment nicht, aber ich möchte nicht ausschließen, in einigen Jahren wieder in das Spiel einzusteigen. Auch wenn sich das jetzt blöd anhört: Politik ist im Kern etwas unglaublich Edles, für das ich mich immer noch extrem begeistern kann. Aber ich möchte erst noch mehr Lebenserfahrung sammeln, noch mehr lernen.

Was raten Sie jungen Menschen, die gerne in die Politik wollen?

Lührmann: Es darf nicht das Ziel sein, Berufspolitiker zu werden. Wenn man sich früh engagiert, für Dinge kämpft und Mitstreiter sucht, dann ergibt sich das von alleine – oder eben nicht. Das Amt selber darf immer nur Mittel zum Zweck sein, niemals umgekehrt.

Gottschalk: Man sollte das verfolgen, was man gut kann, was einen begeistert und nicht krampfhaft irgendwelche Strategien für seine Karriere entwerfen. Natürlich habe ich auch Glück gehabt, aber ich glaube ganz fest daran, dass sich Träume von selbst erfüllen, wenn man sich für eine Sache engagiert und für etwas couragiert eintritt.

Anna Lührmann (25) will bei der nächsten Bundestagswahl nicht mehr kandidieren, sie wird ihren Ehemann begleiten, der Botschafter im Sudan wird. Christoph Gottschalk (31) hat in London European Public Policy studiert und arbeitet zur Zeit als Headhunter für die Besetzung von Führungspositionen in Hamburg.

* Anna Lührmann und Christoph Gottschalk wurden getrennt voneinander befragt.



Martin Kleinemas, Verena Töpper    26. November 2008

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