Gerhard Schröder wird als Kanzler der deftigen Worte in Erinnerung bleiben. Die Grünen fand er mal "zum Kotzen". Und ein paar Genossen drohte er: "Euch mach ich fertig!" Das war nie diplomatisch. Eher machomäßig. Und authentisch. Es war seine Art, Macht auszuüben.
Er ist genervt. Er denkt: Da sitzen die, die eh keinen Wahlkampf gewinnen können und wollen mir sagen, was läuft und was nicht. Zum Beispiel Andrea Nahles. Die junge Parteilinke ist gegen die Agenda 2010. Sie möchte was sagen, wahrscheinlich wieder gegen Hartz IV. Doch bevor sie ihren ersten Satz zu Ende bringen kann, ruft der große Macker rein: "Schülerparlament!"
Damit ist das Thema erledigt. Gerhard Schröder hat klar gestellt: Ich bin der Boss.
Eigentlich hat das nichts mit Schülerparlament zu tun. Sondern mehr mit einem Kindergarten. Wer am lautesten brüllt, ist der Boss. Mit dieser Sandkastenlogik regierte Schröder acht Jahre lang die Bundesrepublik.
Dieses skrupellose, genüssliche Lächeln
Was wird von mir bleiben, fragen sich Menschen, wenn sie Macht abgeben müssen. Von Gerhard Schröder werden wohl drei Dinge bleiben. Erstens: Er war der erste Kanzler seit 1949, der gravierende Einschnitte in der Sozialpolitik vornahm und das als SPD-Politiker (Agenda 2010). Zweitens: Er war der erste Kanzler, der den USA dezidiert die Gefolgschaft verweigerte (Irak-Krieg). Ob einem das zusagt oder nicht: Damit hat er Zäsuren gesetzt und den Handlungsspielraum für seine Nachfolger wesentlich vergrößert.
Und drittens: Es wird wohl nie wieder einen Kanzler geben, der so sehr über seine Worte Macht ausübt wie Gerhard Schröder. Und damit sind nicht seine Reden gemeint, schon gar nicht die schlechten im Deutschen Bundestag, auch nicht die besseren in den Wahlkämpfen. Es geht um seine Rhetorik der Macht. Um diese aggressive, brutale Rhetorik, manchmal verbunden mit diesem skrupellosen und genüsslichen Lächeln. Um diesen absoluten Willen zur Macht.
Als die Grünen ihm zu frech wurden, sagte Schröder, das sei "zum Kotzen". Frank-Walter Steinmeier, damals
Kanzleramtschef und jetzt SPD-Kanzlerkandidat, nannte er manchmal "meinen Mach-mal". Und als auf dem Parteitag in Hannover 2003 der niedersächsische Landesverband gegen Schröders Generalsekretär Olaf Scholz stimmte, drohte der Kanzler abends auf dem Hotelflur den Genossen: "Euch mach ich fertig!"
Das hatte meist etwas Ironisches
Eigentlich ist diese raue Machtrhetorik eine der wenigen Konstanten in Schröders unsteter
Biografie. Auch an jenem Abend, nach dem Biertrinken, im kleinen Bonn, als Schröder, der kleine Bundestagsabgeordnete, am Zaun des Kanzleramtes rüttelte und brüllte: "Ich will da rein!"
Diese Machtrhetorik, diese Lust an der Provokation, hatte meist auch etwas Ironisches was viele nicht begriffen. So auch während des Bundestagswahlkampfs 2005. Schröder wartete am Auto auf seine Gattin Doris Schröder-Köpf. Er sah, dass die Kameras auf ihn gerichtet waren, und rief mit einem süffisanten Grinsen in Richtung Doris nur: "Frau!"
Natürlich war seine Ironie nur selten frei von Gemeinheiten. Als die Bunte die Plansch-Fotos von Rudolf Scharping und seiner Freundin, der Gräfin Pilati, veröffentlichte, sagte Schröder: "Den kann ich doch gar nicht entlassen. Dann würde sich seine Freundin von ihm trennen." Und Peter Struck, der später dem Kanzler als Fraktionschef und Verteidigungsminister den Rücken freihielt, nannte er früher mal einen "Vertreter des organisierten Mittelmaßes". Eigentlich gibt es wenige Parteifreunde, die Schröder nicht mit seiner Art der Aufmerksamkeit bedacht hat. Übrigens ist das, blickt man auf den Umgang zwischen Willy Brandt, Helmut Schmidt und Herbert Wehner, nichts Außergewöhnliches in der SPD der Partei, die sich in ihrer Geschichte immer auf den Begriff der innerparteilichen Solidarität bezogen hat.
Am Ende hat er es mit der Pöbelei übertrieben
An der Ironie sieht man auch, dass es meist kalkulierte Ausbrüche waren. Schröder wollte nicht intellektuell wirken wie Helmut Schmidt. Sondern eher wie ein Fußballtrainer. Wie einer, der an der Imbissbude Currywurst isst was er ja wirklich gerne tut. Das hatte immer etwas Halbstarkes. Doch er wirkte in seinem Auftreten und seiner Sprache authentisch. Und so war er nah bei den Leuten, ohne in die lächerliche Tapsigkeit eines Kurt Beck zu verfallen.
Schröder wirkte in seiner Machohaftigkeit auch immer locker. Und wie ein starker Entscheider, ein Anpacker, einer, der Politik auch mal mit der Brechstange macht. Die Pöbeleien waren seine Art, zu sagen: Ich habe Macht.
Doch am Ende hat er es mit der Pöbelei übertrieben: am Abend der Bundestagswahl 2005, als er im Fernsehen in der Elefantenrunde auftrat, als wolle er putschen. Er sagte es mit Verve, übermütig, "dass niemand außer mir in der Lage ist, eine stabile Regierung zu stellen niemand außer mir". Das war sehr unterhaltsam. Aber realitätsfern und nicht mehr zeitgemäß. Heute führt Angela Merkel eine große Koalition. Ohne Schröder. Und auch ohne Joschka Fischer, ohne Wolfgang Clement, ohne Otto Schily. Es scheint, dass mit Schröder auch die Riege der Testosteronpolitiker untergegangen ist.