Stuckrad-Barre: "Der Künstler darf sich wehtun"

Benjamin von Stuckrad-Barre hatte nach seinem Debutroman "Soloalbum" fünf wahnsinnig erfolgreiche Jahre als Autor, Journalist und Moderator. 2003 brach er unter Erwartungsdruck und Drogensucht zusammen. Im Interview mit machtmaschine spricht er über Zimmerpalmen und die Ohnmacht gegenüber dem eigenen Ich.

Benjamin von Stuckrad-Barre mag es nüchtern:
Benjamin von Stuckrad-Barre mag es nüchtern: "Eine zu blumige Sprache verstellt den Gegenstand"
Es ist bitterkalt in dem gläsernen Büro von Benjamin von Stuckrad-Barre. Seit diesem Jahr arbeitet er für die Berliner Boulevardzeitung B.Z., bei der er sich "sauwohl" fühlt. Die drei großen Fenster reichen bis zum Boden, die Einrichtung ist karg und zweckmäßig. Eine welke Palme steht in der Ecke, auf dem Schreibtisch liegt Sarah Wagenknechts Schnellschuss-Buch zur Finanzmarktkrise (Stuckrad-Barre: „Man muss Beweise sammeln“).
Sein graues Sakko sitzt perfekt, der Hemdkragen ist gestärkt, dazu trägt er eine schwarze Lederkrawatte. Aschenbecher und Feuerzeug ziert das B.Z.-Logo. Benjamin von Stuckrad-Barre zündet sich eine oMenthol-Zigarette an. Es kann losgehen.

machtmaschine: Als ich mich gerade am B.Z.-Kundencenter für unser Gespräch angemeldet habe, konnten die Rezeptionsdamen nichts mit Ihrem Namen anfangen. Seltsam dort nicht bekannt zu sein, oder?

Benjamin von Stuckrad-Barre: "Alles nur Tarnung, bin froh, dass das so gut zu funktionieren scheint. Wichtiger ist aber, dass ich in der Saft-Bar unten im Haus bekannt bin. Nicht mit meinem Namen, sondern mit dem Bananen-Grapefruit-Orange-Drink, den ich dort jeden Mittag bestelle. Davon bekommt man zwar ziemliches Sodbrennen, aber es ist gesund. Angeblich."

Ist Ihnen heute schon irgendwo Macht über den Weg gelaufen?

"Ich hatte vorhin ein sehr interessantes Gespräch mit unserem stellvertretenden Chefredakteur Elmar Schnitzer über Zimmerpalmen. Schnitzer, der viel schönere Möbel in seinem Büro hat als ich und einen viel besseren Geschmack auch, was Einrichtung betrifft, der also möchte eine neue Zimmerpalme haben. Da ist mir zum ersten Mal in all der Zeit aufgefallen, dass ich selbst eine in meinem Büro habe. Ich hab ihm gesagt, er kann sie haben."

Er wollte sie wohl nicht, sie steht noch hier.

"Nachdem er sie gesehen hatte, schüttelte er mit dem Kopf. Ich rauche in meinem Büro, vielleicht liegt es daran – die Palme ist etwas welk. Aber wir haben uns dann über die Möbelkultur im Hause Springer unterhalten, er hat Herrliches erzählt von englischen Möbeln des Verlagsgründers. So kamen wir auf die Axel Springer-Biographien von Hans-Peter Schwarz und Michael Jürgs. Das sind Geschichten unter anderem auch über Macht, aus dieser Hamburger Medien-Goldgräber-Zeit in den 50ern und 60ern. Da lese ich jede Biographie, die es nur gibt, ich möchte das immer wieder erzählt bekommen, wie diese Helden – Augstein, Springer, Bucerius – durch die Kriegstrümmer gehüpft sind und Zeitung gemacht haben. Großartig."

Haben Sie das Wort "Macht" mal gegoogelt?

"Nee, aber das ist bestimmt schrecklich. Wird ja auch so oft klein geschrieben, als Prädikat."

Ja, es ist in der Tat schrecklich. Man stellt fest, dass Macht irgendwie überall und alles ist. Was ist das denn überhaupt, Macht?

"Alles mögliche, zum Beispiel Architektur. Nehmen wir das Beispiel "Süddeutsche Zeitung". Die sind ja jetzt innerhalb Münchens umgezogen, und im "Streiflicht" schreiben die Redakteure nun oft darüber, dass die Chefs ganz oben sitzen im neuen Hochhaus. Bei uns hier im Haus, am Kranzlereck, sitzt ganz oben ein Finanzdienstleister. Da ist ja vielleicht bald was frei."

Im Springer-Hochhaus ist es auch so. Kai Diekmann hat bei dem Umzug der "Bild" aus Hamburg nach Berlin auch die oberen Etagen bekommen. "Die Welt" musste zwei Stockwerke tiefer ziehen.

"Ach ja? Man kann das natürlich belächeln, andererseits müssen solche Repräsentanten natürlich den Erwartungen an Macht, von innen wie von außen, standhalten. Ich selbst bin ja eher so ein Ein-Mann-Betrieb innerhalb von Gruppen. Es hat mich nie interessiert, irgendwie über jemanden zu bestimmen. Ich habe genug damit zu tun, mich selbst zu organisieren."

Hatten Sie nicht nach "Soloalbum" das Gefühl, Macht zu haben? Immerhin wurden Sie als neuer Messias der Popliteratur gefeiert.

"Dass mich irgendwer gefeiert hat, ist ein Gerücht. Das Buch wurde eigentlich nur verrissen, aber es wurde viel gelesen. Und das wiederum sagt eine Menge aus über die Macht des Literaturbetriebs und des Feuilletons. Diese kann offenbar umgangen werden. Es sind zwar Schattierungen von Macht, wenn man gelesen, gehört wird, und Verantwortung hat man natürlich, wenn man sich äußert – aber Macht? Ich habe eher die Rückseite davon bewusst wahrgenommen, nämlich Druck. Der allerdings hat mich ganz schön aus der Kurve getragen."

2003 bricht Benjamin von Stuckrad-Barre unter diesem Druck zusammen. Kokainsucht, Alkohol, erst Appetitlosigkeit, später Bulimie. Wenn er auf Koks ist, hat er keinen Hunger mehr. Hinzu kommt die in den Medien breit ausgeschlachtete Trennung von Komödiantin Anke Engelke. Stuckrad-Barre ist am Ende. Ein ganzes Jahr lang bringt der Autor keinen gehaltvollen Text zusammen.
Stuckrad-Barre ist nach seinem Zusammenbruch wieder aktiv:
Stuckrad-Barre ist nach seinem Zusammenbruch wieder aktiv: "Es ist, auch formal, verarbeitet"

Es ist Udo Lindenberg, ein Held seiner Jugend, der gemeinsam mit seinem sagenumwobenen "Panikdoktor" Stuckrad-Barre wieder zurück in die Spur bringt. Lindenberg nimmt ihm die Romantik der Sucht und überzeugt ihn, einen Entzug zu machen. In dieser existenziellen Phase kommt Stuckrad-Barre, ganz der Kunst verschrieben, auf die Idee, seine Lebenskrise festzuhalten. Er entschließt sich, die Journalistin und Fotografin Herlinde Koelbl in sein Leben zu lassen. Ihr Dokumentarfilm o"Rausch und Ruhm" ist eine Jahresbiographie, die den Autor in seiner verwahrlosten Wohnung zeigt. Die ihn schonungslos begleitet – die körperlichen Folgen seines Entzugs genauso thematisiert wie seinen Umgang mit Depressionen.

Warum haben Sie diesen Film machen lassen?

"Ich habe mir damals gedacht: Das ist ein tolles Buch, was ich hier gerade erlebe. Das war es bestimmt auch, aber ich hatte nicht mehr die Lufthoheit, das Buch auch direkt zu schreiben, so mächtig war diese Erfahrung. Als ich merkte, dass ich es mit meinen Werkzeugen nicht mehr greifen, im Sinne eines Kunstwerks festhalten kann, habe ich Herlinde Koelbl gebeten, diesen Dokumentarfilm zu drehen. So naiv kann man wahrscheinlich gar nicht sein, und ich finde es auch im Nachhinein ziemlich befremdlich und verrückt, aber auch mutig und richtig. Der Künstler darf sich wehtun. Aber, um Beuys zu bemühen: "Ich kann mir nicht jeden Tag ein Ohr abschneiden."


War dieses "Nach-Hilfe-Rufen" Ihr ohnmächtigster Moment?

"Nein, das war schon wieder ein guter Moment.Das ganze Jahr drumherum war die reine Ohnmacht. Ich habe mir diesen ganzen Zusammenbruch als Selbstversuch erklärt. Die Kontaktaufnahme zu Herlinde Koelbl war dann selig, ich war froh über diese Möglichkeit, das Ganze so festzuhalten, es zu etwas formen zu können. Den Film kann ich mir jetzt nicht mehr anschauen. Es ist, auch formal, verarbeitet. Und das war richtig, weil ich diese Idee von meinem Leben habe, dass ich Werke hinstelle, dass ich Erfahrungen zu etwas forme."

Also Kunst als Lebensmotor?

"Als Begründung. Und als Möglichkeit, die Macht über das eigene Denken zu behalten, die Welt klein zu kriegen und zu verstehen. Also im ganz persönlichen Sinne Macht über ein Thema zu gewinnen, indem man die eigene Sprache darauf ansetzt und sich so einen Mini-Teil der Welt erklärt. Und danach den nächsten. Dafür ist dieser Beruf des Autors ein guter. Ausübung von Macht in jeder Form untersuchen, wo hakt es, was stimmt nicht – und dann bitte unterhaltsam darüber schreiben. Schöner geht es nicht."




Benjamin von Stuckrad-BarreBenjamin von Stuckrad-Barre

Von Zimmerpalmen und der Ohnmacht gegenüber dem eigenen Ich.

Mächtig prominentMächtig prominent

13 berühmte Menschen verraten ihre ganz persönliche Perspektive der Macht.

Wer wird 2021 Kanzler?Wer wird 2021 Kanzler?

10 Nachwuchspolitiker haben das Zeug zum Kanzler. Wählen Sie ihren Favoriten!

Eintrittskarte PriesterhemdEintrittskarte Priesterhemd

Kirchen-Lobbyist Jüsten über Kontakte und die Kunst, Angela Merkel zu erreichen.

Thomas Steg - Die Stimme der MachtDie Stimme der Macht

Er ist das Sprachrohr der Kanzlerin: Ein Tag mit Vize-Regierungssprecher Steg.

In der Kernfrage gespaltenAtomkraft gegen Öko-Power

Wer hat die größere Macht? Ein Streitgespräch zwischen Greenpeace und Atomforum.

Macht & Milchkaffee - Einstein-Besitzer Gerald UhligMacht & Milchkaffee

Das Café Einstein ist Treffpunkt der Mächtigen. Besitzer Uhlig erklärt, warum.

Aufstieg und Fall des Hans EichelHans Eichel: Aufstieg & Fall

Spindoktor Schmidt-Deguelle erklärt, wie Karrieren in der Politik funktionieren.

Anna Lührmann und Christoph Gottschalk - Von Null auf MachtVon Null auf Macht

Jungpolitiker Anna Lührmann und Christoph Gottschalk über den Weg nach oben.

Gerhard SchröderKrawall-Kanzler Schröder

Er pöbelte wie kein anderer Kanzler. Es war sein Weg zu sagen: Ich bin der Boss!

Staatssekretär Bernd Pfaffenbach - Wird Deutschland machtlos?Wird Deutschland machtlos?

Der persönliche Berater der Bundeskanzlerin, Bernd Pfaffenbach, im Interview.

Angela Merkel und Helmut Kohl - Der Kanzler-TestDer Kanzler-Test

Professor Langguth vergleicht den Machthunger von Kohl, Schröder und Merkel.